Ways of Seeing
Die Ausstellung Ways of Seeing entfaltet ihren theoretischen Horizont im Zusammenspiel von John Berge’s Ways of Seeing und Marcel Prousts A la recherche du temps perdu. In dieser Konstellation erscheint Sehen als kulturell geprägte Praxis und zugleich als ein Vorgang, in dem sich Zeit innerhalb der Wahrnehmung formiert. Das Zitat « Les vrais paradis sont les paradis qu’on a perdus. » formuliert eine Erfahrung, in der Bedeutung aus zeitlicher Distanz hervorgeht und sich Wahrnehmung als Differenz zwischen Erleben und späterer Erkenntnis strukturiert.
Bei Proust entsteht Intensität aus der Verschiebung zwischen Moment und Bewusstsein. Ein Ereignis gewinnt seine volle Bedeutung in einer zeitlichen Bewegung, in der sich Vergangenheit im gegenwärtigen Erleben neu konstituiert. Sinnliche Auslöser führen zu einer Konzentration von Zeit, in der sich unterschiedliche Zeitebenen überlagern und als ein zusammenhängender Erfahrungsraum erscheinen. Diese Struktur beschreibt eine Wahrnehmung, in der sich Zeit im Akt des Sehens organisiert und in der sich Bedeutung aus dieser zeitlichen Konstellation ergibt.
Dorota Sadovskás Malerei lässt sich innerhalb dieser Perspektive als eine Praxis fassen, in der ikonografische Formen eine historische Dauer tragen und im Moment der Betrachtung als gegenwärtige Erscheinung auftreten. Die frontal geführten Blicke der Figuren etablieren eine unmittelbare Relation zum Betrachter und führen zu einer Situation, in der sich das Bild als Gegenüber konstituiert. Die ikonografischen Motive, Adam und Eva, Madonna, Pietà, Heilige, stehen in einer kunsthistorischen Kontinuität und treten im Akt des Sehens als aktuelle Bildformen hervor.
Wolfgang Walkensteiners Malerei entwickelt sich aus der Auseinandersetzung mit physisch aufgebauten Volumina, deren Lichtverhältnisse und räumliche Organisation in Farbe übersetzt werden. Die Bildoberflächen tragen die Struktur dieser Wahrnehmung und führen den Blick durch eine Abfolge visueller Erfahrungen, die sich im Verlauf des Sehens entfalten. Die Form erscheint als Ergebnis eines kontinuierlichen Sehens, das sich in der malerischen Ausarbeitung manifestiert.
John Bergers Überlegungen zum Sehen beschreiben Wahrnehmung als eine Praxis, die durch Bilder geprägt ist und in der sich kulturelle Ordnung manifestiert. In Verbindung mit Proust erweitert sich diese Perspektive zu einer Auffassung von Wahrnehmung, in der sich Zeit als immanente Dimension des Sehens zeigt. Sadovskás Malerei aktiviert ikonografische Bildformen und führt sie in eine gegenwärtige Sichtbarkeit über. Walkensteiners Arbeiten entwickeln eine Bildstruktur, in der sich Wahrnehmung aus Licht, Material und Dauer heraus organisiert.
Die Ausstellung führt diese beiden Positionen in einer Konstellation zusammen, in der sich das Bild als Ort der Wahrnehmung bestimmt. Sehen erscheint als ein Vorgang, der sich im Bild vollzieht und in dem sich Zeit als Erfahrung artikuliert. « Les vrais paradis sont les paradis qu’on a perdus. » formuliert innerhalb dieser Struktur eine Wahrnehmung, in der sich Bedeutung aus zeitlicher Differenz ergibt und in der sich Gegenwart im Akt des Sehens bildet.
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Dorota Sadovská, With your Desire (Adam), 2024 -
Dorota Sadovská, With your desire (Eve), 2024 -
Dorota Sadovská, Holy Family, 2025 -
Dorota Sadovská, Madonna with the Child, 2025 -
Dorota Sadovská, Saint Joseph with the Child, 2025 -
Dorota Sadovská, Saint Joseph with the Child, 2026 -
Dorota Sadovská, Madonna Lactans, 2023 -
Dorota Sadovská, Saint Francis of Assisi, 2025 -
Dorota Sadovská, Saint Clare of Assisi, 2025 -
Dorota Sadovská, Pieta, 2026 -
Wolfgang Walkensteiner, Marine Life 1, 2026 -
Wolfgang Walkensteiner, Marine Life 2, 2026 -
Wolfgang Walkensteiner, One Eye´s Meditation, 2026 -
Wolfgang Walkensteiner, Organic Formation 1, 2025 -
Wolfgang Walkensteiner, Organic Formation 2, 2025 -
Wolfgang Walkensteiner, Ezekiel´s Vision, 2025 -
Wolfgang Walkensteiner, Great Electrician 1, 2026 -
Wolfgang Walkensteiner, Great Electrician 2, 2026 -
Wolfgang Walkensteiner, Immunsystem, 2024 -
Wolfgang Walkensteiner, Sisyphos Rolling Stone II, 2020-2021 -
Wolfgang Walkensteiner, Sound Barrier, 2022-2023 -
Wolfgang Walkensteiner, Mars, 2025

